Wir veröffentlichen: Gemeingut Gesundheit - Konzept einer vergesellschafteten Primärversorgung
7. Juli 2026
Wir als Poliklinik Syndikat zeigen jeden Tag, dass eine multimodale, solidarische und nachhaltige Gesundheitsversorgung, die dafür die sozialen Determinanten von Gesundheit mit einbezieht, keine Utopie bleiben muss! Wir bauen Sorgezentren, die Menschen integriert bio-psycho-sozial unterstützen und gleichzeitig strukturelle Aspekte mit einbeziehen.
Doch damit gemeinnützige interprofessionelle Gesundheitszentren die Regel werden und nicht die Ausnahme bleiben, muss noch viel passieren.
Zusammen mit communia e. V. veröffentlichen wir deshalb jetzt: "Gemeingut Gesundheit - Konzept einer vergesellschafteten Primärversorgung"
Die vorliegenden Überlegungen zur Neuausrichtung der ambulanten Gesundheitsversorgung in Deutschland sind im Austausch zwischen Aktiven von uns (genauer unserer Utopie AG) und von communia e. V. entstanden. Der Verein communia e. V. entwickelt als Denkfabrik Strategien für eine demokratische Wirtschaft. Uns verbindet die Überzeugung, dass eine gute Gesundheitsversorgung nur dort entsteht, wo sie sich am Gemeinwohl orientiert, demokratisch gestaltet ist und sich an den realen Bedürfnissen der Menschen ausrichtet.
Wir verstehen das Papier als Diskussionsangebot und als Einladung, gemeinsam weiter zu entwerfen, wie eine vergesellschaftete, gemeinwohlorientierte Gesundheitsversorgung aussehen kann.
Nach Jahrzehnten neoliberaler Umstrukturierung steht das deutsche Gesundheitssystem unter einem immensen Druck: Privatisierung, Ökonomisierung und Personalmangel haben Spuren hinterlassen. Zugleich verschärfen ein demografischer Wandel und eine zunehmende soziale Ungleichheit die gesamtgesellschaftliche Situation. Viele Menschen erleben ihren Alltag als unsicher, während große Transformationen – ob ökologisch, sozial oder ökonomisch – eher Angst als Zuversicht auslösen. Eine positive Vision, die verbindet und Orientierung gibt, fehlt oft. Das vorliegende Konzeptpapier schlägt einen konkreten Baustein für eine rasch umsetzbare und soziale Transformation der ambulanten Versorgung vor. Kernelement ist dabei die Gründung von Primärversorgungszentren (PVZ) unter dem Dach von Anstalten öffentlichen Rechts (AöR) – die AöRs „Gemeingut Gesundheit“.
Die Idee der Vergesellschaftung, verstanden als Begriff alternativ zum Privateigentum an Gesundheitseinrichtungen und Moment der Demokratisierung, dient dabei als Leitfaden: Vergesellschaftung begreift Gesundheit als kollektive Aufgabe und stellt die Frage neu, wie Versorgung organisiert sein muss, damit sie allen zugutekommt. Dabei geht es nicht nur um strukturelle Reformen, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung – eine Rückeroberung sozialer Infrastrukturen.
Das vorliegende Konzept entwirft eine konkrete Vorstellung davon, wie eine primäre Gesundheitsversorgung aus einer progressiven Perspektive gedacht und organisiert werden kann. Es bündelt Erfahrungen aus der Praxis solidarischer Gesundheitszentren ebenso wie Perspektiven aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen. Die hier entwickelte Vision bewegt sich dabei bewusst im Spannungsfeld zwischen Realpolitik und Utopie. Denn Veränderungen entstehen im Zwischenraum von Anspruch und Wirklichkeit.
Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht ist klar: Menschen leben gesünder, wenn sie in sozialen Zusammenhängen eingebettet sind, die von Vertrauen, Teilhabe und gegenseitiger Fürsorge geprägt sind. Eine solidarische Primärversorgung kann dazu beitragen, dass solche Räume entstehen – Orte, an denen medizinische, soziale und präventive Angebote zusammenkommen und in denen Gemeinschaft erfahrbar wird. In diesem Sinne sind neue, kollektiv organisierte Sorgestrukturen mehr als Versorgungsmodelle: Sie sind Bausteine einer demokratischen Gesellschaft und können dem Erstarken von Ausgrenzung und Vereinzelung etwas entgegensetzen. Mit dem Konzept „Gemeingut Gesundheit“ möchten wir dazu beitragen, den Rahmen des Denkbaren zu erweitern. Wir laden dazu ein, die vorgestellten Ideen zu prüfen, weiterzuentwickeln, zu kritisieren und mit uns zusammen umzusetzen. Die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist offen. Es liegt an uns, sie als Gemeingut zu gestalten.
Solange Privatisierung und Ökonomisierung die Gesundheitsversorgung dominieren und politische Entscheidungsträger*innen daran nichts ändern, bleibt eine solidarische und nachhaltige Gesundheitsversorgung Handarbeit und u. a. das Poliklinik Syndikat wird hier weiter vorangehen.
Link zum Konzeptpapier