Solidarische Gesundheitszentren
Unser Konzept
Gesundheitsversorgung, Ort der Begegnung und Ausgangspunkt für transformative Prozesse – all das verbinden wir in unseren Zentren, den Polikliniken bzw. solidarischen Gesundheitszentren. Diese Zentren sind eingebettet in die Sozialräume, Kieze, Stadtteile oder Landkreise und vereinen so wohnortnahe Versorgung mit Aspekten von gesellschaftlicher Teilhabe und Partizipation. Als Verband verfolgen wir das Ziel, solidarische Gesundheitszentren langfristig als eigenständigen Bestandteil des Gesundheitssystems zu etablieren. Unsere Mitglieder sind Träger dieser Zentren, einige Zentren sind bereits im Betrieb, andere befinden sich im Aufbau.
Das Konzept solidarischer Gesundheitszentren
Unser Konzept ist auf der Grundlage von verschiedenen wissenschaftlichen Konzepten und Modellen entstanden. Inspiriert von verschiedenen internationalen Vorbildern und eigenen Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem haben wir ein Modell der solidarischen Gesundheitszentren entworfen. In unseren Zentren vereinen wir Gesundheitsversorgung und Gemeinwesenarbeit, sowie Forschung.
Die wichtigsten Modelle, auf denen wir unser Konzept aufgebaut haben, ist bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit, den Sozialen Determinanten von Gesundheit, der „Health in all Policies“-Ansatz. Das verbindende Element dieser Konzepte ist der umfassende Blick auf Gesundheit.
Ort für Versorgung
Unsere individuelle Gesundheit lässt sich am besten anhand von drei Blickwinkeln betrachten:
dem Körperlichen,
dem Psychischen
und dem Sozialen.
Diesen drei Aspekten widmen wir uns im Rahmen unserer ambulanten Primärversorgung. Darunter fassen wir – in unserem Basiskonzept - eine allgemeinmedizinische Versorgung, eine psychologische Beratung, eine Sozialberatung, sowie Community-Health-Nursing. Mit diesen vier professionellen Angeboten bieten wir eine Anlaufstelle für viele, allgemeine gesundheitliche Problemlagen der Menschen vor Ort. Wichtige Merkmale unserer Arbeit sind eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der dort arbeitenden Professionen und eine kollektive, solidarische und hierarchiesensible Arbeitsweise.
Ort für Begegnung und Transformation
Unsere individuelle Gesundheit wird maßgeblich von den Verhältnissen, in denen wir leben beeinflusst. Diese Verhältnisse bestimmen unsere Gesundheit mehr als unser individuelles Verhalten. Um diese Verhältnisse zu verändern, muss auf allen politischen Ebenen mitgedacht werden, welchen Einfluss Entscheidungen auf unsere Gesundheit haben. Dies nennt man auch Verhältnisprävention, diese setzen wir in den Bereichen Community-Health-Nursing und Gemeinwesenarbeit um. Im Rahmen der Gemeinwesenarbeit werden verschiedenste Angebote umgesetzt, die Gemeinschaft schaffen, Teilhabe und Partizipation fördern und so gemeinsam mit den Menschen vor Ort gesundheitliche Themen bearbeiten. Diese Arbeit ist der Ausgangspunkt für transformative Veränderungsprozesse.
Ort im Sozialraum
Unsere Zentren sind Bestandteil der sozialen und solidarischen Infrastruktur und beziehen sich dabei immer auf den Raum um sie herum. Wie dieser Raum aussieht, wie groß er ist und wie viele Menschen dort leben ist abhängig von den Bedingungen vor Ort. Es kann der Kiez, ein Stadtteil oder Landkreis sein – wichtig dabei ist, dass er als Sozialraum erkannt und gelebt wird und somit einen Rahmen und Bezugspunkt für die Menschen, die dort leben und arbeiten setzen kann.
Das Basiskonzept und darüber hinaus
In unserem Konzept eines multiprofessionellen Stadtteilgesundheitszentrums beschreiben wir unser sog. Basiskonzept. Damit meinen wir, dass ein solidarisches Gesundheitszentrum mindestens diese Angebote und Professionen beinhalten sollte. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass zu einer guten und umfassenden Gesundheitsversorgung viel mehr gehört: so zum Beispiel kinderärztliche und gynäkologische Praxen, Hebammen, sowie physio- und ergotherapeutische Angebote. Einiges davon wird in manchen Zentren auch schon umgesetzt. Wünschenswert wäre aus unserer Perspektive, Gesundheitszentren zu schaffen, in denen verschiedenste Gesundheits- und Heilmittelprofessionen interdisziplinär genau das Angebot umsetzen können, das vor Ort benötigt wird.
Umsetzung des Konzeptes vor Ort
Auch wenn wir als Verband ein einheitliches Grundkonzept der Zentren verfolgen und einige Mindestanforderungen formuliert haben, unterscheiden sich die bestehenden Zentren in vielerlei Hinsicht. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe:
die lokalen Verhältnisse
die organische Entwicklung im Aufbau
Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse
Auch wenn wir der Überzeugung sind, dass unser Konzept überall funktioniert und eine Verbesserung der ambulanten Versorgung darstellt, bedarf es dennoch immer einer Anpassung auf die jeweiligen Verhältnisse vor Ort. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle:
Bedarfe und demographische Entwicklung im Sozialraum
Vorhandene Angebote und Strukturen anderer Organisationen
Politische und rechtliche Situation
Organische Entwicklung im Aufbau
Zusätzlich zu den oben genannten Faktoren entwickeln sich die Gesundheitszentren in aller Regel organisch aus selbstorganisierten Gruppen heraus. Kein Zentrum hat bisher eröffnet und dabei von Anfang das Konzept vollständig umsetzen können. Die Entwicklung im Aufbau hängt von den engagierten Personen, ihren Qualifikationen und beruflichen Hintergründen ab, aber auch von den finanziellen Ressourcen. Welche Förderungen oder andere Mittel eingeworben werden können hat einen großen Einfluss auf den Aufbau der verschiedenen Angebotsbereiche.
Historische und internationale Vorbilder
Das Konzept wohnortnaher Versorgungszentren wird bereits seit Jahren international umgesetzt. Im deutschen Gesundheitssystem fehlt einer solcher Bestandteil jedoch, obwohl es ihn in der DDR mit den Polikliniken bereits gab. Diese wurden jedoch mit dem Ende der DDR nicht in das System übernommen.
In Ländern wie Belgien, Frankreich, Schweden, Äthiopien, Kanada und einigen mehr, gibt es ähnliche Konzepte von Gesundheitszentren. Teilweise sind diese dort fester Bestandteil der staatlichen Gesundheitsversorgung.
Die Polikliniken der DDR waren medizinische Einrichtungen, in welchen alle Fachrichtungen der medizinischen ambulanten Primärversorgung unter einem Dach zusammenarbeiteten. Hausärzt*innen, Gynäkolog*innen, Zahnärzt*innen und weiter Fachärtzt*innen praktizierten quasi Tür an Tür. Dieser Ansatz bot sowohl für Patient*innen als auch für Mitarbeitende der Klinik viele Vorteile. So hatten Patient*innen bspw. kurze Wege zwischen verschiedenen Ärzt*innen. Die Mediziner*innen wiederum konnten leichter multiprofessionell zusammenarbeiten oder sich medizinische Geräte teilen.
Den Ansatz der räumlich nahen multiprofessionellen Arbeit greifen wir als Poliklinik Syndikat wieder auf. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass es in den Polikliniken der DDR Missstände gab. Auf Grund dessen haben wir das Konzept der Poliklinik weiterentwickelt: In unseren Gesundheitszentren arbeiten neben dem ärztlichen Personal auch Physiotherapeut*innen, Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Community Health Nurses und Pflegekräfte. Das bedeutet, zusätzlich zur multiprofessionellen medizinischen Versorgung findet in unseren Polikliniken auch Stadtteilarbeit, Selbstorganisation, Partizipation und Verhältnisprävention statt und spielt eine zentrale Rolle.